"Österreichisch" für Anfänger

Österreichisch für Anfänger


Eine meiner (österreichischen) Freundinnen ist nun seit etwa einem Jahr mit einem Deutschen liiert und berichtet mir immer wieder davon, dass die Sprachbarriere für ihn so groß und für sie selbst eigentlich nicht vorhanden sei. Das lässt mich zurückdenken an anfängliche Missverständnisse zwischen mir und meinem Mann, der Österreicher ist.

Da in Österreich und Deutschland die gleiche Sprache gesprochen wird, hat niemand, am wenigsten ich selbst, meinen Umzug nach Wien als ein Auswandern betrachtet. Es schien nicht anders als ein Umzug nach München, beispielsweise.

Da ich nie in München gelebt habe, kann ich nicht beurteilen, ob es mir dort genauso ergangen wäre. Doch in Wien habe ich mich erst einmal gründlich umgeschaut.

Ich hatte große Mühe, meine Kollegen und Kunden im direkten Gespräch zu verstehen. Ein Telefonat war die reinste Folter. Mein häufigster Satz lautete: „Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden.“

Zu allem Überfluss hatte ich gelernt, mich im Geschäftsleben der deutschen Standardaussprache zu bedienen: Das vertiefte die sprachliche Kluft sogar noch. Ich fühlte mich nicht wohl, meine eigene Ausdrucksweise erschien mir kalt und hochgestochen, und ich suchte händeringend nach einem Ausweg. Nach drei Tagen begann ich, badisch zu sprechen. Ich verfiel also in meinen Heimatdialekt und zwang damit meine Kollegen, ebenfalls nachzufragen. Das Gleichgewicht war wieder hergestellt; die Sympathien wuchsen.

Nun konnte ich beginnen, die Wunder des Wiener Dialekts zu erkunden. Ich lernte, den Speiseplan der Kantine zu verstehen, lernte österreichische Begriffe für Menschen, Beziehungen und Tätigkeiten, und recht bald hatte ich das Gefühl, alles schon gut zu beherrschen.

Bis ich Josef Hader auf der Bühne erlebte. Ich machte mir im Vorfeld keinerlei Sorgen. Hader kannte ich ja schon. Den hatte ich auch in Karlsruhe gesehen und wunderbar verstanden. Diesmal verstand ich kaum ein Wort. Ich hatte nicht bedacht, dass Hader in Deutschland vielleicht anders spräche. Er klang doch damals schon so „österreichisch“... Im Grunde jedoch: eh klar! Mein heutiger Mann tat das für mich ja auch.

Dann sah ich während der Übertragung eines Fußballspiels ein Banner, das besagte: „Hauts euch eine, Burschen!“ Ich las den Spruch mit der Betonung auf „Hauts“ und fragte mich, weshalb sich die Spieler wohl selbst schlagen sollten. Nach mehrmaligem Lesen und Murmeln des Spruches kam ich auf die Idee, stattdessen „eine“ zu betonen, begriff den ganzen Sinn der Aufforderung und brach in schallendes Gelächter aus. Diesen Schwank habe ich sogleich deutschen Freunden erzählt – die Reaktion können Sie sich vorstellen: Unverständnis. Ein bisschen etwas hatte ich schon gelernt. Und dafür anderes vergessen.

Heute verwende ich viele bairisch-österreichische Begriffe und grammatische Eigenheiten ganz selbstverständlich, und meine Familie und Freunde kennen sich auch schon gut aus. Was ich selbst nicht angenommen habe, bringen nun meine Söhne mit, die vielleicht einmal wie echte Wiener klingen werden: „urcool!“

Auch einige meiner Freunde haben die badische Heimat verlassen und sind in Gebiete mit interessanten Dialekten gezogen. Vor ein paar Jahren haben wir uns gemeinschaftlich darüber lustig gemacht, und heute sprechen die meisten von uns genauso. Nur für mich steht eines fest:

Die Österreicher haben bewiesen, dass Deutsch sehr schlicht sein kann. Sie bilden ganze Sätze nur aus Vokalen: „A, e i a!“

(Soll heißen: „Ach, ich bin doch auch gemeint!“)

  • Michaela Schachinger